Heide Witzka und der Kapitän


Na, Kinners, Ihr kennt doch auch bestimmt das Lied „Heidewitzka, Herr Kapitän“? Die Melodie und der Text stammen vom Volks- und Karnevalssänger Bäckermeister Karl Berbuer (1900-1977). Am Ende meiner Geschichte könnt Ihr den Versuch unternehmen den Text des Liedes zu erfassen. Versuchen, liebe Köln-Mülheimer, weil euer Dialekt für einen Norddeutschen wie mich wirklich schwer zu verstehen ist. Verzeiht! 

Die bildhübsche Heide Witzka aus dem Butjadinger Land diente als Vorlage zu diesem Lied. Ich hatte das Vergnügen Heide Witzka bei ihrem ungewöhnlichen Hobby, dem Menschenschach, erstmals erleben zu dürfen. Während des Menschenschachs stellte sie immer die Königin dar, und da sie wunderschöne Beine hatte, war ihr Mitwirken schon ein Erlebnis. Sie hatte die schönsten Beine der Welt – ’tschuldigung, Marlene Dietrich, aber es ist wirklich so! Und ich liebe schöne Frauenbeine, Kinners. Sie trug immer herrliche Kleider, die sich beim ständigen Wind im Hafen mal sacht oder auch mal wild hoben, und …. Nein, nein, ich höre auf. Die Erinnerung übermannt mich, aber eines noch: Der Anblick war etwas für Ästheten. Ihre Figur war einfach göttlich! Übrigens wurde dieses Spiel grundsätzlich nach dem Ende der zweiten Schicht bei uns im Hafen gespielt, denn um die menschlichen Schachfiguren bewegen zu können, das Gehen von Feld zu Feld war verboten, wurde ein Kran benötigt. Nicht alle Figuren hatten die zarte Schönheit Heides, da gab es zum Beispiel den guten Egon Macchiavelli aus Heinschenwalde, der einen Springer darstellte, und auch fast das Gewicht eines richtigen Pferdes auf die Waage brachte. Die einzelnen Figurenmenschen mussten entsprechende Hüte oder Perücken tragen, um als die Figur, die sie darzustellen hatten, erkennbar zu sein. Der erwähnte Egon Macchiavelli mochte keine Hüte, obwohl sein Schädel fast haarlos war, und er damit vielleicht ganz passabel ausgesehen hätte, so trug er sein Resthaar lang und zu einem Pferdeschwanz gebunden, und war damit zweifelsfrei als Springer auszumachen.
Ich selbst betätigte mich beim Menschenschach des öfteren als Kranführer. Und es war immer wieder ein großer Spaß, wenn man die Schachfiguren, besonders beliebt bei einer starken Brise, noch etwas länger in der Luft zappeln ließ. Dann gab es immer wieder ein großes Hallo. Aber meistens dauerten die Spiele nicht allzu lange, da der in Bremerhaven lebende Schachgroßmeister Basilikum Kasperkopf seinen Gegnern meistens mehr als überlegen war und mit ihnen kurzen Prozeß machte. Er selbst hing natürlich nicht am Kran, denn die Spieler dirigierten den Kran – des besseren Überblicks willen – von einer Art Bühne aus. Diese bestand übrigens nur aus einigen übereinander gestapelten Holzpaletten.

Heides damaliger Verlobter hieß Theodahad Zickenarscher, zugegeben kein besonders schöner Name, aber fast die ganze Welt beneidete ihn wegen seiner schönen Verlobten. Er war ein überaus gebildeter Mann, der es verstand seine Umwelt immer wieder mit hochintelligenten Sprüchen zu beeindrucken. So geschehen auch am 31. Oktober 1861, als er Verständnis erheischend, während eines Restaurantbesuches aufstand, sich verbeugte, und die Glocke von Friedrich von Schiller vortrug. Übrigens erfand Theodahads Großvater Emil B. Zickenarscher die erste Nasenhaarschneidemaschine und machte sich später als Nasenhaarfriseur einen Namen. Sogar gekrönte Häupter, wie Graf Sigismund der Vollschlanke oder Erzherzog Johannes der Irokese, und natürlich darf hier nicht Baron Bruny-Buschhausen der Vielhaarige vergessen werden, der, wie mir berichtet wurde, aus der Nase heraus einen Zopf von beträchtlicher Größe trug, gehörten zu seinen Klienten.
„Ach, der alte Schmietwech, hat’s schon wieder mit den Nasenhaaren! Da scheint er wohl ein Problem zu haben. Auf zum Psychoanalytiker.“
Und das werde ich nicht tun, Kinners. Es wuchert eben, und in meinem Alter ist das etwas ganz natürliches. Kaum erzähle ich von Emil B. Zickenarscher, und schon …. Ach, lassen wir das! Aber immer auf die kleinen Dicken. Das ist nicht nett.

Ich lernte Zickenarscher während einer Verkaufsveranstaltung der Stiftung „Für das Kind im Manne e.V.“, wo es hauptsächlich Heimwerkerprodukte und Holzspielzeug zu erstehen gab, kennen. Unser damaliger Vorsitzender war der bekannte Zoologe Ferenc Bärenkötter, der mit seinen Aufsehen erregenden Schriften über das Liebesleben der Gemeinen Stabheuschrecke berühmt wurde, und nebenbei erwähnt ein miserabler Heimwerker war, denn wir passionierten Heimwerker trafen uns wöchentlich in Selbsthilfegruppen um uns auszutauschen. Nein, keine Sägen, Erfahrungen, Leute.
„Ich möchte noch etwas bewegen,“ sagte Bärenkötter einmal bei einer Vorstandssitzung unseres Vereins im Lokal „Zum tückischen Reh“.
„Dann hol’ mir doch eben `n Kaffee,“ entgegnete Zickenarscher hellwach.
Ja, so war Theodahad Zickenarscher.

Was waren wir Männer während dieser Verkaufsveranstaltungen glücklich! Gegenüber heute war das Heimwerkerangebot ziemlich mager, aber wir fanden genügend interessantes Material, um es daheim auszuprobieren.
Ja, ja, ich weiß, was ihr Frauen jetzt denkt: Ein neuer Bohrer zum Spielen, und schon gehen die Männer enthemmt an die Arbeit und machen etwas kaputt. Und was machen die Frauen? Wenn ich nur an die Berührungsängste vieler Frauen denke sich vernünftig anzustellen! Sei es im Postamt oder sonst wo. Statt – wie es in England perfektioniert wurde – sich an das Ende einer Schlange zu „hängen“, entsteht bei einer dieser „Schlangenverweigerinnen“ schnell eine Lücke von 5 bis 6 Metern, und flugs findet man sich als Neuankömmling, obwohl vielleicht der Dritte in der eigentlichen Schlange, fast noch an der Eingangstür wieder. So, genug der Kritik.

Nun wieder zurück zu Zickenarscher und Heide Witzka.
Aber eigentlich gibt es gar nicht mehr viel zu erzählen. Heide Witzka, die als Modell arbeitete, bekam eines Tages einen Auftrag, der sie an den Rhein führte. Zickenarscher, der von den Zinsen, die die Patente seines Großvaters – ja, ja, genau, gegen das Wuchern von Nasenhaaren, ich werde das jetzt nicht mehr erwähnen – einbrachten, sorglos leben konnte, begleitete seine Heide. Ihre übergroße Schönheit sorgte auch am Rhein für Furore.
Als ein Rheinschiffer – der Name ist nicht überliefert, nein, Leute, ihr seid kindisch, keiner, der in den Rhein gepinkelt hat, sondern ein Schiffsführer auf dem Rhein – von ihrem Aussehen geblendet, einen Steg gerammt hatte, fragte er danach seinen Matrosen noch ganz benommen: „Wer war das denn?“
„Heide Witzka, Herr Kapitän,“ antwortete dieser begeistert.

Und so entstand das Wort Heidewitzka im Rheinland. Natürlich wurde Heide Witzka nebenbei noch Karnevalsprinzessin oder heißt es Fastnachtsprinzessin? Ich Küstenbewohner bin mir da nicht ganz sicher. Und Zickenarscher? Er verlor während der Weiberfastnacht statt seines Schlipses versehentlich seine Männlichkeit. Aber das ist eine unerquickliche Geschichte, über die ich mich nicht weiter auslassen will.

Oder so ähnlich.
Nicht wahr?

Und hier ist der Text des Liedes:

Eimol em Johr dann weed en Scheffstour gemaht,
denn su en Faht, hät keinen Baat.
Eimol em Johr well mer der Drachenfels sin
wo köme mer söns hin?
Liebchen ade, mer stechen he
mem Müllemer Böötche endlich en See,
un wenn et ovends spät op Heim ahn dann geiht,
dann rofe mer vör luter Freud:

Refrain:
Heidewitzka, Herr Kapitän!
Mem Müllemer Böötche fahre mer su gähn,
m'r kann su schön em Dunkle schunkele,
wenn üvver uns de Sterne funkele.
Heidewitzka, Herr Kapitän!
Mem Möllemer Böötche fahre mer su gähn.
Volldampf voraus! Et geiht d'r Rhing jetzt entlang
met Sang un Klang, de Fesch wähde bang,
met hundert Knöddele dat litt klor ob d'r Hand,
wink uns et blaue Band.
Süch ens d'r Schmitz, met singem Fitz,
die sin ald jetz su voll wie an Spritz,
hä fällt dem Zigarettenboy öm d'r Hals
brüllt met'ner Stemm su voller Schmalz

Jung, ob dem Scheff ham'mer ald Windstärke 11,
bal Halver Zwölf un gar kein Hölf,
selvs de Frau Dotz, die met dem Wallfeschformat,
wood dovun seekrank grad.
Heimlich un stell bütz doch dat Bell
en der Kajütt ne knochige Böll,
nä et wed Zick met uns, mer müsse ahn Land,
mer sin jo wie us Rand und Band.


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