Ihr
habt bestimmt schon einmal von einem gewissen Kaspar Hauser gehört?
Zur Erinnerung fasse ich für Euch die damaligen Ereignisse kurz
zusammen: Am 26. Mai 1828 tauchte in Nürnberg ein sich ungelenk
bewegender und kaum der Artikulation fähiger junger Mann auf, über
dessen mysteriöse Herkunft bald darauf ganz Europa stritt. Es gab
Hinweise, daß Kaspar Hauser ein entführter Prinz von Baden sein
könnte. War Kaspar Hauser ein Hochstapler, oder war er, wovon viele
Menschen überzeugt waren, der besagte badische Erbprinz? Diese Frage
wurde nie ganz geklärt, aber, Kinners, meine Kollegen und ich hätten
den Fall aufklären können. Er nun wieder, ich höre es wohl. Aber
es ist nun mal so, Leute, und hier ist die wahre Geschichte des
sogenannten Kaspar Hauser.
Iwan Iwanowitsch Maus, über den
es jetzt zu berichten gilt, der plötzlich, wie aus dem Nichts, im
Bremerhavener Hafen auftauchte, fand bei uns schnell Arbeit. Spätere
Chronisten stritten darüber, ob Maus als „blinder Passagier“
über das Schwarze Meer, oder als Tramper aus dem Fichtelgebirge
zugewandert war. Wahrscheinlich liegt die Wahrheit irgendwo
dazwischen. Danach müßte er also per Zug aus Südfrankreich oder zu
Fuß aus Transsylvanien eingereist sein. Oder? Aber eigentlich ist
das auch vollkommen egal, da das mit dieser Geschichte absolut nichts
zu tun hat.
Iwan Iwanowitsch wirkte immer etwas
geistesabwesend, aber trotzdem wurde er ein guter Hafenarbeiter, der
es besonders verstand, auf Eisenbahnwaggons die Kanthölzer, die der
Ladungssicherung dienten, kunstvoll mit Nägeln, die er vehement
hineintrieb, zu verzieren. Es war wirklich schon eine Kunst, wie er
es fertig brachte, mit gezielten, kraftvollen Schlägen, die Hölzer
– meistens waren es 10 x 10 cm-Kanthölzer – vor der zu
sichernden Ladung auf die Waggons zu nageln. Er war glücklich, und
die Welt für ihn noch in Ordnung, doch als die Bahn einen neuen
Lademeister einsetzte, der äußerst penibel die Ladungssicherungen
kontrollierte, und trotz der fabelhaften Leistungen Maus‘,
permanent die Arbeit unserer Lascher und Blocker kritisierte, begann
der gute Iwan Iwanowitsch plötzlich an einem Ermüdungssyndrom zu
leiden.
Er
konnte die Zurechtweisungen des neuen Lademeisters Erwin E.
Klausteiger einfach nicht verknusen. Was? Fragt jemand was verknusen
bedeutet? Verknusen steht hier für vertragen. Noch eine Frage? Was
laschen und blocken ist? Beides dient der Ladungssicherung, Kinners.
Mit Ketten, Stahlseilen, Gurten oder Bandeisen wird gelascht und zwar
oben herum. Dagegen wird mit Holz gegen das Verrutschen geblockt. Und
das natürlich unten auf dem Boden.
Maus war – wie viele
andere Künstler auch – zu sensibel für die harte, gnadenlose
Arbeitswelt. Er brauchte Harmonie, wenn er seine volle
Leistungsstärke ausspielen wollte. Und die war nun dank Erwin E.
Klausteiger, einem zugereisten Franken aus Schabrackenburg, der ein
Freund des Volkstanzes und von Thüringer Bratwürsten war, und, das
darf nicht unerwähnt bleiben, im Posaunenchor seiner Heimatgemeinde
die dritte Trompete spielte, und hier mit seinen Tellerlippen Großes
leistete, vollkommen dahin. Unglücklich starrte Iwan Iwanowitsch
Maus wortlos auf seinen Hammer und den Eimer mit den langen Nägeln,
wenn er seine Arbeit verrichten sollte, aber er konnte nicht mehr.
Und als Klausteiger denn auch noch verlangte, daß bei einer
bestimmten Ladung – ich glaube, es waren Steinblöcke – 20 x 20
cm-Kanthölzer verwendet werden sollten, hielt es der hypersensible
Maus nicht mehr aus. Er weinte hemmungslos und ließ seinen Hammer –
von ihm abgöttisch geliebt und Maxwell genannt – achtlos neben der
Ladung liegen und verließ seinen Arbeitsplatz und uns für immer.
Viele
Monate später erfuhren wir aus den Zeitungen, daß unser ehemaliger
Kollege vollkommen entkräftet und auch der Sprache nicht mehr
mächtig, wie oben beschrieben, im Jahre 1828 namenlos in Nürnberg
aufgegriffen worden war. Wir erkannten ihn, als Abbildungen des
mysteriösen Mannes in allen Zeitungen veröffentlicht wurden. Die
ganze Welt rätselte über seine Herkunft oder seinen wirklichen
Namen. Wir hätten zur Aufklärung beitragen können. Aber er war nun
einmal berühmt, und viele nette Menschen – wie wir damals dachten
– kümmerten sich um ihn. Warum sollten wir ihn aus dieser Idylle
reißen. Und, man darf nicht vergessen, Maus hatte seine Identität
und Vergangenheit in Bremerhaven bei dem Waggon 3180 4864367-6 für
immer hinter sich gelassen.
In seiner neuen Heimat erhielt er
den Namen Kaspar Hauser und wird sogar heute noch als der rechtmäßige
Erbprinz von Baden angesehen. Leider fand Iwan Iwanowitsch Maus ein
tragisches Ende, denn er fiel einer meuchelnden Hand zum Opfer, die
Ausführer politischer Ränkespiele geworden war. Der Tod unseres
ehemaligen und geschätzten Kollegen traf uns hart. Und so machten
wir uns doch Vorwürfe den falschen Erbprinzen nicht enttarnt zu
haben. Aber um es noch einmal deutlich zu sagen, der gute Iwan
Iwanowitsch war kein gerissener Hochstapler, also, Kinners, die
Zwischenfrage, ob Hoch- und Gabelstapler das gleiche ist, will ich in
diesem Zusammenhang nicht gehört haben, sondern nur ein verwirrter
Hafenarbeiter aus Bremerhaven.
So wurde aus einem einfachen
und sensiblen Hafenarbeiter für kurze Zeit ein Prinz von Baden.
Oder so ähnlich.
Nicht wahr?