Na,
Kinners? Wißt Ihr, es ist einfach schön auf dem Deich zu stehen und
in die Ferne zu schauen. Der frische Wind tut unwahrscheinlich gut,
und nimmt die Sorgen und den Alltagsmief mit sich fort.
Eines
Tages – ich war noch sehr jung, ungefähr Mitte Zwanzig – stand
ich sinnend wieder auf meinem Lieblingsplatz auf dem Deich und
schaute einem Segelschiff hinterher, dass Weser abwärts unterwegs
war. Der Fluß war ruhig, und plötzlich, ich erschrak fürchterlich,
tauchte etwas Merkwürdiges ungefähr fünfzig Meter vom Strand
entfernt aus dem Weserwasser auf. Ich dachte sogleich an ein
Meeresungeheuer, dann aber nach kurzer Überlegung, kam ich zu dem
Schluß, dass es sich hier nur um einen Tümmler oder Schweinswal
handeln könnte, und ließ das Ding nicht mehr aus den Augen. Es
bewegte sich nicht. Ich lief nun den Deich hinunter und watete soweit
es ging – es war Niedrigwasser – und meine Hosenbeine es
zuließen, dem Ding entgegen. Je näher ich kam, desto deutlicher
wurde es, es war kein lebendiges Tier. Vielleicht ein verendeter
kleiner Wal? Aber auch das konnte ich bald ausschließen.
„Impossibile,“ hörte ich plötzlich etwas dumpf.
Ich
drehte mich um, aber da war niemand, der mit mir sprach. Dann öffnete
sich das Ding, und ein Kopf – der eines Menschen – wandte sich
mir zu und fragte: „Hamburgo?“
„Nein, Bremerhaven,“
antwortete ich, kaum von dem Schrecken erholt, einen Menschen in
diesem Gebilde zu sehen.
„Cazzo!“
Was immer es bedeutete,
es schien kein nettes Wort zu sein, und der Mann, schon ein älterer
Herr mit Vollbart, schüttelte seinen Kopf und schien einen
Augenblick lang unschlüssig.
„Navigatore cazzo! Cretino!“
Dann hatte er sich etwas beruhigt und schaute mich mit mildem
Blick an.
„Ich heiße Leonardo,“ sagte der Fremde in gutem
Deutsch, „und Du?“
„Jan
Schmietwech,“ antwortete ich.
Aber diese Antwort überrascht
Euch sicherlich nicht, Kinners, und bevor jemand fragt, es war nicht
Leonardo di Caprio, denn wir schrieben das Jahr 1503. Der Mann war,
obwohl er sich selbst nur Leonardo nannte, der berühmte Genius
Leonardo da Vinci.
Ich schwamm voll bekleidet zu ihm hinüber und
half ihm beim Aussteigen. Und endlich konnte ich einen genauen Blick
auf sein Gefährt werfen. Leonardo zeigte mir wie sein Wasserfahrzeug
arbeitete und erklärte die Funktionsweise. Schließlich durfte ich
sogar hineinklettern. Phantastisch, kann ich Euch sagen. Soviel
Technik – obwohl, gab es diesen Ausdruck damals eigentlich schon?
Es war ein voll funktionstüchtiges Unterwasserboot, was wohl die
meiste Zeit an der Wasseroberfläche schwamm, aber dank einer
mechanischen Vorrichtung auch leichte Fahrt – wenn auch nur sehr
langsam – aufnehmen, und segellos seine Ziele erreichen konnte. Der
Antrieb funktionierte ähnlich wie der eines heutigen Tretbootes, und
wenn man Leonardos Waden betrachtete, wusste man, was für eine große
physische Leistung dafür erbracht werden musste. Glücklicherweise
hatte sich Leonardo vernavigiert und statt die Elbe die Wesermündung
angelaufen, aber mir war das natürlich sehr recht.
Als ich
wieder – immer noch ganz fasziniert – neben dem Boot im Wasser
stand, schloß Leonardo die Einstiegsluke, warf einen kleinen Anker,
watete mit mir an den Weserstrand, erklomm unseren schönen Deich und
aß mit mir – durch den strengen Wind fast schon trockengelegt –
einen schönen Steckrübeneintopf im Gasthaus „Zur wilden Distel“.
Und ich kann sagen, es mundete ihm sehr. Warum keine Spaghetti oder
andere Pasta, oder sogar eine Pizza? Mensch, Kinners, um 1500 waren
solche Gerichte in Norddeutschland noch vollkommen unbekannt. Und
rümpft nicht eure Nasen über den kredenzten Steckrübeneintopf! Das
ist eine ganz feine Sache, die ich sogar heute noch sehr gerne esse.
Die Wirtin der „Wilden Distel“ Guste Blasengel hatte es Leonardo
angetan, der sie unentwegt anstarrte. Guste war eine durchaus hübsch
zu nennende Frau, die ein ungemein gewinnendes Lächeln besaß, und
einst aus dem südfriesischen Wichtelgebirge, vor ihrem pastoralen,
sittenstrengen Vater flüchtend, nach Bremerhaven gekommen war. Und
ich weiß, Ihr werdet mir wieder einmal nicht glauben, aber Guste
Blasengel und nicht, wie es in den Lehrbüchern steht, Lisa del
Gioconda aus Neapel diente Leonardo als Modell für seine berühmte
Mona Lisa. Wenn Ihr das Vergnügen gehabt hättet die Wirtin kennen
zu lernen, würdet Ihr mir zustimmen, dass Mona Lisa Guste Blasengel
ist.
Selbst mich arbeitete er in eines seiner Werke ein – nein,
nicht in den „Grotesken Köpfen“ – war klar, das so etwas
kommen musste, lieb, ganz lieb, Kinners – sondern in „Hl.
Johannes der Täufer“. Meine Gesichtszüge in so einem berühmten
Gemälde! Da staunt Ihr, was aus meinem – okay, damaligen –
Gesicht herauszuholen war! Ich habe einmal folgenden schlauen Satz
über dieses da Vinci-Gemälde gelesen, und möchte es Euch nicht
vorenthalten: „Weit mehr noch als die Mona Lisa hat diese Figur von
rätselhaftem, esoterischem, androgynem, dionysischem und sogar
diabolischem Charakter die Poesie der Dekadenz beeinflusst.“
Mein
Gesicht! Einfach herrlich!
Gut, wenn Ihr wollt, aber in den
„Grotesken Köpfen“ bin ich wirklich nicht zu finden. Warum
glaubt Ihr mir nicht?
Ich
habe die Stunden, die ich mit Leonardo da Vinci verbringen durfte,
genossen. Er blieb drei unvergessliche Tage in Bremerhaven, was
natürlich hauptsächlich an Guste lag. Wann trifft man schon einmal
so ein Genie in seinem Leben. Und ich kann mich brüsten – obwohl
das gegen meine Natur ist, nicht lachen – Leonardo zu einer
Erfindung inspiriert zu haben. Jawohl!
Nein, keine
halbautomatische Abdeckplatte für meine Halbglatze! Damals hatte ich
noch volles, fast schon lockiges Haar, Kinners. Nein, auch keinen
Nasenhaarentferner oder eine Notnagelschere, obwohl das nicht
schlecht gewesen wäre, denn ich habe immer Probleme mit Notnägeln.
Ist so. Aber Ihr seid nahe dran. Soll ich’s sagen? Nein, auch keine
Hohlraumversiegelung für mein Gehirn. Wie kann man bloß so gemein
sein? Es war, so jetzt sage ich es endgültig, ein spezieller
Lockenwickler für dünnes Haar – ja, ich diente als Vorlage, da
bin ich ganz ehrlich. Leider ging dieser Lockenwickler nie in
Serienproduktion. Obwohl ich mir so einen schönen Namen dafür
ausgesucht hatte, der aus Marketinggründen natürlich in englischer
Sprache: Anti Bald Head, was Gegenglatzkopf bedeutet, heißen sollte.
Denn ABH = ja, die Abkürzung, sollte die Kopfhaut entlasten und so
die Ausbreitung einer Glatze verzögern. Mir war es nie gelungen
einen Fabrikanten für diese Idee zu gewinnen, und der Prototyp der
ABH ging – ich trug ihn jahre-, wenn nicht sogar jahrzehntelang –
leider bei schlechter See eines Tages über Bord. Und von da an
breitete sich die Freifläche auf meinem Kopf immer mehr aus, aber
ich habe es mit den Jahren gelernt – wenn auch zähneknirschend –
damit voller Respekt umzugehen. Ich Armer!
Noch
heute schaue ich mir oft eine Photographie von Leonardos Gemälde
„Hl. Johannes der Täufer“ an und denke voller Dankbarkeit an die
Tage mit Leonardo und Guste damals vor langer, langer Zeit in
Bremerhaven.
Oder so ähnlich. Nicht wahr?