Wahrschau, die erste Stauerei


Liebe Leute, nun werde ich Euch etwas über die erste Stauerei weltweit erzählen, die natürlich in Bremerhaven gegründet wurde. Ich muß vorausschicken, daß früher üblicherweise die Schiffsbesatzungen oder auch Crew genannt, die Arbeiten beim Laden und Löschen an Bord eines Schiffes übernahmen. Und sogar in den Zeiten vor der Gründung des Bremerhavener Hafens auch sämtliche Aktivitäten an Land selbst machen mußten. Aber die Landtätigkeiten übernahmen wie in Bremerhaven bald die Umschlagsunternehmen. Umschlag bedeutet: das Laden oder Löschen von Gütern oder auch Ladung genannt. Im Export übernahm die Umschlagsgesellschaft das Gut an Land (die damals per Pferdewagen gebracht wurde) und setzte sie per Kran an Deck oder in die Luke eines Schiffes, dort übernahm es die Besatzung die Ladung an den richtigen Platz zu verstauen und zu sichern. Die Ladungssicherung ist äußerst wichtig! Es kann sich jeder denken warum! Beim Import geht es natürlich den umgekehrten Weg. Ja, so ist das im Hafen, Leute. Es wird gelascht – Ladungssicherung damals mit Seilen, heute mit Drahtseilen, Bandeisen oder Herkulesseil – geblockt – heute wie damals mit Holz, denn Ladungsverschub kann den Untergang eines Schiffes bedeuten. Heute gibt es Gabelstapler an Bord, oder die Stauerei läßt ihren eigenen Stapler an Bord setzen, um die Ladung zum endgültigen Stauplatz zu verbringen. Aber nun wieder zurück zur Gründung der ersten Stauerei.

Und der erste, der auf die glorreiche Idee kam eine Firma zu gründen, um diese Arbeiten den Seeleuten an Bord abzunehmen, war ein gewisser Waldemar Wahrschau, der vor seiner Selbständigkeit Vorarbeiter bei uns war. Es muß um das Jahr 1711 herum gewesen sein. Ich muß gestehen, daß ich mich nicht mehr genau daran erinnern kann, welche Jahreszeit es war, als Waldemar Wahrschau seine Firma gründete. Zuerst bestand seine Stauerei nur aus seinem Cousin Fritz Günther Mühlenbrand und ihm selbst. Wahrschau war ein junger Mann, dem nachgesagt wurde ein Weiberheld zu sein.

Das Nachtleben in Bremerhaven erreichte besonders dank Waldemar Wahrschau eine erste Blüte. Das war seiner Arbeit wohl abträglich, da Waldemar deshalb oft sehr müde war, wenn er mit seinem Cousin die Stauereitätigkeit an Bord aufnahm. Und es kam schon mal vor, daß Mühlenbrand allein in der Luke arbeitete, während sein Chef von seinen nächtlichen Abenteuern noch ermattet selig schlief. Arbeiten konnten beide gut, denn beide waren wie ich im Hafen groß geworden. Trotz der Eskapaden florierte die Stauerei Waldemar Wahrschau. Er stellte neue Leute ein und gründete bald auch eine Niederlassung in Elsfleth, einem neuen aufstrebenden Hafen an der Weser. Leider existiert kein vernünftiges Bild vom weltweit ersten Stauereigründer. Er war trotz seiner unbestrittenen Erfolge – auch bei den Frauen – ein eher scheuer Mensch. Immerhin ist es mir gelungen eine Zeichnung, die ihn wohl nur von hinten zeigt, aufzutreiben, die ihr hier betrachten könnt.

Wahrschau´s geschäftliche Erfolge verführten ihn sein nächtliches Leben in den Kneipen Bremerhavens weiter zu intensivieren. So daß er oft zum Schichtbeginn, wie bereits oben erwähnt, sehr schläfrig war. Eines Tages kam es dazu, daß er, während der Kran eine mit Säcken beladene Palette in den Unterraum des Schiffes absetzen wollte, eingeschlafen war. Genau über ihn senkte sich die aus feinstem norddeutschen Sand bestehende Ladung langsam auf ihn nieder. Im letzten Moment hatte ein Besatzungsmitglied der “Gesine Haberbeck”, Heimathafen Friedrichshafen, Ronaldo Regen, ein Exilportugiese von der Insel Texel, den schlafenden Stauereichef bemerkt, der zu diesem Zeitpunkt allein in der Luke war. Und er schrie so laut er nur konnte, man hat ihn, Überlieferungen zufolge, noch auf der anderen Weserseite gehört: “Wahrschau! Wahrschau!”

Der gute Waldemar erwachte gerade noch rechtzeitig und rettete sich in letzter Sekunde.

Seit diesem Tage gilt der Weckruf Wahrschau als Begriff für “Obacht!”, oder “Gib Obacht!” oder einfach nur “Vorsicht!” im Hafen und an Bord. Wahrschauen bedeutet auch: “Jemand benachrichtigen”.

Waldemar´s Lebensretter, Ronaldo Regen, wurde berühmt und konnte seine Popularität später in bare Münze umsetzen. Er ging viele Jahre mit einer Theatertruppe auf Tournee und spielte die Szene, die Wahrschau das Leben gerettet hatte, nach. Bis nach Süddeutschland und über das große Gebirge hinaus, konnte er seinen gewaltigen Weckruf ertönen lassen. So ließ er sich noch viele Jahre feiern. Im bereits fortgeschrittenen Alter nutzte er seine Popularität um bei den Bürgermeisterwahlen auf der Alten Mellum als strahlender Sieger seine politische Karriere zu starten, die ihn schließlich bis in das Weiße Haus bringen sollte.

Waldemar Wahrschau wurde ein reicher Mann, aber wegen einer Affäre mit einer verheirateten Frau verließ er Hals über Kopf Bremerhaven und seine Firma. Die Stauerei übernahm – übrigens sehr erfolgreich – sein Cousin Fritz Günther Mühlenbrand. Von Wahrschau hörten wir viele Jahre nichts, doch dann erzählte eines Tages Mühlenbrand, der einen Brief von seinem Cousin erhalten hatte, daß dieser einen alten Bauernhof in einer einsamen Gegend an der Weichsel gekauft hatte und Ackerbau und Viehzucht betrieb.

Bis zu seinem Lebensende blieb er seinem Bauernhof mit Hingabe und Freude treu.
Und, ihr könnt es Euch sicherlich fast denken, entstand nach einigen Jahrzehnten aus dem Hof Wahrschau die Stadt Warschau, die heutige Hauptstadt Polens. Die Leute, die Euch weismachen wollen, daß Warschau bereits um 1250 gegründet wurde, haben keine Ahnung – glaubt mir!

Ja, so war es damals. So entstand der Begriff Wahrschau, die erste Stauerei wurde gegründet, und ein Bremerhavener Unternehmer legte den Grundstein für die Hauptstadt Polens.

Oder wenigstens so ähnlich! Nicht wahr?

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